Luca Marrone – ein weiterer Italiener im Kader?

Die Bild-Zeitung bringt Luca Marrone, Innenverteidiger bzw. Mittelfeldspieler bei Juventus Turin, ins Gespräch bei Werder. Hintergrund ist die seit der vergangenen Saison laufende Kooperation mit dem italienischem Rekordmeister – und laut Bild-Zeitung ein möglicher Abgang von Innenverteidiger Sebastian Prödl im Winter.

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Der 24-Jährige drückt bei Juventus Turin derzeit nur die Bank und wurde in der laufenden Saison noch nicht eingesetzt. Darum ist eine mögliche Leihe grundsätzlich nicht auszuschließen. Ein Kauf zum jetzigen Zeitpunkt wäre für Werder allerdings zu teuer – und zu unsicher. Da Marrone momentan kaum Spielpraxis hat und laut transfermarkt.de rund 4,5 Millionen kosten soll, wäre das mit Sicherheit in großes Risiko. Zudem hat Werder derzeit einige Innenverteidiger im Kader. Mit Galvez und Prödl scheint sich – zumindest seit Amtsantritt von Viktor Skrikpni – ein eingespieltes Duo zu bilden. Der zuletzt schwächelnde Luca Caldirola stellt auf jedenfall weiterhin eine Option auf der Bank dar. Eine Leihe zum Winter würde also nur Sinn machen, wenn Caldirola oder Prödl den Verein ebenfalls im Winter verlassen würden. Laut Bild sollen allerdings für Prödl noch keine konkreten Angebote vorliegen. Bei einer Leihe mit Kaufoption würde Thomas Eichin sicherlich nichts falsch machen.

Hier geht’s zum Profil von tm.de: Luca Marrone

Die Stärken des Spielers liegen vor allem in der Spieleröffnung. Marrone ist passicher und geht die Wege mit nach vorne. Zudem hat der 1,86 Meter große Innenverteidiger/ Mittelfdspieler eine gute Technik. Er ist kein klassischer Abräumer und hat ähnliche – wenn auch nicht ganz so ausgeprägte – Anlagen wie Mats Hummels. Marrone kam in dieser Saison unter anderem wegen einer Oberschenkelverletzung, die er sich am 31. Oktober zugezogen hat, bislang nicht zum Einsatz. Momentan ist der Spieler noch verletzt. Oberschenkelprobleme hatte der damalige Mittelfeldpsieler bei der UEFA-U21-EM bereits im Mai 2013. Auch die Verletzungsanfälligkeit sollte bei einem Transfer berücksichtigt werden. Bei Juve sollte er gerüchteweise in der Dreierkette der Abwehr spielen. Seine bevorzugte Position liegt allerdings eher im defensivem Mittelfeld.

Einschätzung der Juve-Fans

Viele der Juve-Anhänger sehen Marrone durch seine technischen Stärken und seiner relativ schmächtigen Statur eher im Mittelfeld als in der Abwehr. Vor dem Rückkauf von US Sassuolo für 5 Millionen Euro galt Marrone zum Teil als Ersatzspieler für Aturo Vidal im Defensiven Mittelfeld – wenn nicht als gleichwertiger Spieler. Durch seine hohe Verletzungsanfälligkeit traut dem 24-Jährigen allerdings aktuell kaum einer  mehr den Durchbruch bei Turin zu.


P.S : Luca Marrone scheint – änhlich wie Elia – eine Vorliebe für bunte Schuhe zu haben 😉 !

Der „Beckham der Ukraine“

Drei Pflichtspiele – drei Siege. Viktor Skripnik hat seine Aufgabe als neuer Cheftrainer von Werder Bremen mit einer makellosen Bilanz begonnen. Das gelang bislang nur Otto Rehagel sowie dem Ex-Coach und heutigem Frankfurt-Trainer Thomas Schaaf. Doch wer ist eigenlich dieser Skripnik? Auf den Spuren eines ehemaligen Werderprofis.

Es war sein erstes Training als Chefcoach. Viele Werderfans waren gekommen, um den neuen Übungsleiter bei seiner ersten Einheit zu beobachten. So einen Trubel hatte es zuletzt in den besten Tagen von Ex-Coach Thomas Schaaf gegeben. Dichtes Gedränge herrschte am Zaun des Trainingesländes. Für den sonst im Hintergrund arbeitenden ehemaligen U23-Trainer eine ungewohnte, aber angenehme Rolle: „Natürlich angenehm, wenn du stehst da und viele zuschauen wollen. Das ist schon sehr sehr sehr gut.“

Lange Überzeugungsarbeit brauchte es für Skripnik nicht. Nachdem Manager Thomas Eichin den Ukrainer fragte, ob er das Amt von Robin Dutt übernehmen wolle, musste er nicht lange überlegen. „Ich wollte nicht lügen und so tun, als muss ich überlegen. Ich habe sofort zugesagt.“, betont Skripnik.

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Aber wer ist eigentlich dieser Trainer? Woher kommt er? Was ist seine Geschichte? Geboren wurde Skripnik am 19. November 1969 in Nowomoskowsk (Ukraine), einer Stadt mit rund 72 000 Einwohnern. Die größte und bekannteste Sehenswürdigkeit ist die Dreifaltigkeitskathedrale.

In der Ukraine spielte Skripnik als 17-Jähriger in der Saison 1986/87 in der U17 von Dnipro Dnipropetrovsk, einer der damals erfolgreichsten Vereine in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ein Jahr später gelang ihm der Aufstieg in die Amateurmannschaft. Schließlich schaffte es der linke Verteidiger 1988 in den Profikader. Im selben Jahr wurde Skripnik allerdings an Metalurg Zaporizhya abgegeben. Die größten Erfolge von Metalurg war der Gewinn des Pokalfinales der Ukrainischen Sowjerepublik in den Jahren 1951 und 1952, also lange vor Skripniks aktiver Laufbahn. Dort spielte Skripnik bis 1994, bis er als frisch gebackener Nationalspieler zu seinem ehemaligen Verein und Ligakonkurrenten Dnipropetrovsk zurückkehrte.

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1996 folgte schließlich der Transfer zu Werder Bremen. Für die Hanseaten kickte der Ukrainer bis 2004. Dor erzielte der Abwehrspieler in 138 Ligaspielen sieben Tore, gab acht Vorlagen und feierte in seiner letzten Saison den Gewinn des Doubles 2003/2004 unter Thomas Schaaf. Nach seinem Wechsel in die Hansestadt wuchs Skripnik schnell zu einer verlässlichen Säule in der Bremer Defensive heran. Dieter Eilts urteilte damals über seinen Abwehrkameranden wie folgt: „Skripnik ist ein sehr ruhiger Typ, auf den man sich 100 prozentig verlassen kann.“

Um Deutsch zu lernen, büffelte Skripnik zwischen den Trainingseinheiten im Zimmer des Präsidiums. „Ein Stück Toast mit Butter“, stand auf einer seiner Lernkarten, wie in einem alten Sportblitz-Video zu sehen ist. Neben Fußball-Vokabeln war ihm das Essen wohl wichtig. So fand der Nationalspieler schnell sein Lieblingsrestaurant mit ukrainischen Spezialitäten (Restaurant Kiew) im Bremer Stadteil Walle. Dort kehrte er häufig mit seiner Familie am Sonntag zum Essen ein. In einem Interview in dem Lokal hob Skripnik  1997 den Unterschied zu seiner alten Wirkungsstätte bei Dnipropetrovsk hervor: „In der Bundesliga läuft es anders. Hier ist alles viel professioneller.“ An das Niveau gewöhnte sich der linke Verteidiger schnell. Er reifte zu einem bissigem, zweikampfstarken Abwehrmann.

Damaliges Spielerprofil auf der Werder Seite im Jahr 1999.

Damaliges Spielerprofil auf der Werder-Seite im Jahr 1999. Screenshot: Tirrel

Während seiner Zeit im Bremer- und Nationaltrikot etablierte sich Skripniks Spitzname „Beckham der Ukraine“. Das war ihm damals allerdings unangenehm, wie er in einem Interview mit 11freunde im Jahr 2011 verriet – eben ein bodenständiger Typ.

Unvergessen auch sein Elfmeter beim 6:0-Erfolg gegen den Erzrivalen aus Hamburg in der Saison 2003/2004 (siehe Video ab Minute 10). Die Fans forderten lautstark Viktor Skripnik als Elfmeterschützen. Dieser trat an – und traf. Es sollte sein letztes Tor in seiner aktiven Laufbahn bleiben.

Nach seiner Karriere als Fußballprofi arbeitete Skripnik als Trainer im Jugendbereich des SV Werder Bremen. Dort übernahm er 2004/2005 zunächst die U15 in der C-Junioren-Regionalliga. Teilweise trainerte er parallel die U16, U18 und U21. 2008 übernahm Skripnik die Verantwortung für die U17, 2011 wurde er mit seiner Mannschaft deutscher Vizemeister. 2013 löste er seinen früheren Teamkollegen Thomas Wolter als Chefcoach der U23 ab. In seinem ersten Jahr in der Regionalliga Nord erreichte er mit seinem Team den zweiten Platz. Im Jahr 2007 erwarb der ehemalige Abwehrspieler die Trainer A-Lizenz unter dem ehemaligen U20 Nationaltrainer Erich Rutemölle („Mach et, Otze“). Im gleichen Kurs war übrigens Jos Luhukay, der heutigeTrainer von Hertha BSC Berlin.

Inzwischen hat es „Skrippo“ zum Cheftrainer geschafft. Gemeinsam mit der „Werderlegende“ Torsten Frings trainiert er die Profimannschaft. Auf der Rechnung hatten ihn zunächst nur wenige Insider. Die Bild-Zeitung nannte schon vor dem Heimspiel gegen Köln als ersten Kandidaten den akribisch arbeitenden und harten Hund Huub Stevens – ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte. Eichin setzte lieber auf einen Mann aus den eigenen Reihen – und damit auf die kostengünstigere Alternative. Inzwischen hat sich Skripnik als echter Glücksgriff erwiesen. Mit seiner charmanten Art, seinem gebrochenem Deutsch und seinen zuletzt drei Siegen in Folge hat er die Hoffnung zurück an die Weser gebracht. Als Fan bleibt jetzt nur zu hoffen, dass er in die Fußstapfen der großen Werdertrainer treten kann und den einstigen Glanz zurück an die Weser bringt.

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Lesetipp: Viktor Skripnik über die Ukraine, Deutschland und seine Kinder im Werdermagazin vom 14. November. 2001.


Über Standards zum Erfolg

11. Spieltag, 8.11.14 / 18:30 Uhr  / Werder Bremen 2:0 VFB Stuttgart

Junuzovic steht zur Ecke bereit. Mit ordentlich Wucht schlägt er den Ball in Richtung 16er der Stutttgarter. Sebastian Prödl setzt sich mit energischem – aber fairem – Körpereinsatz gegen Klein durch und Köpft den Ball gegen den Unterleib vom Stuttgarter Abwehrmann Rüdiger. Von seiner Hüfte rauscht der Ball ins Netz. 1:0 für Werder (30.). Damit war gestern der Grundstein für den 2:0-Erfolg im Kellerduell gegen VFB Stuttgart gelegt – und das war kein Zufall.

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Werders Trainer Viktor Skripnik deute im Sky-Interview an, die Spielweise der Stuttgarter die Woche über genau analysiert und seine Mannschaft darauf eingestellt zu haben. „Die haben vor allem bei Standards ihre Probleme“ , so Skripnik. Das wurde beim zweiten Treffer der Werderaner durch Fin Bartels (57.) noch deutlicher. Wieder bringt der Österreicher Junuzovic eine Flanke von der rechten Seite herein. Bartels lauert zunächst beim Mainzer Keeper Kirschbaum, löst sich geschickt indem Moment, wo Junuzovic anläuft und begibt sich in den freien Rückraum der Abwehr. Dort trifft er den flachen Ball vom Österreicher perfekt. Die Kugel zischt in Richtung Pfosten und prallt von dort ins Netz. Das soll im Training allerdings nicht geklappt haben (siehe Video unten). Umso besser, dass die Ecken schließlich im Spiel zum Erfolg führten. Dabei verwies Skripnik aber nicht nur auf die eigene Trainingswoche, sondern hatte für seinen Vorgänger Robin Dutt ebenfalls lobende Worte parat. Dort seien die Varianten bereits öfter geübt worden.

 

Die Ecken klappten gut, das Weder Spiel an sich nahm nach Anpfiff nur schwer fahrt auf. Die Bremer spielten zwar gewohnt kämpferisch, spielerisch war durchaus noch Luft nach oben. Zwar versuchten die Innenverteidiger Prödl und Galvez die Situationen mit kurzen Pässen zu lösen, doch kluge Ideen blieben Mangelware. Die Handschrift von „Skrippo“ ist allerdings zu erkennen. Lange Bälle wurden kaum gespielt – und wenn, dann nur unter hohem Druck. Das Problem war allerdings, dass im Mittelfeld die Anspielstationen fehlten. Pässe in die Tiefe wurden zumeist von den Werderanern direkt wieder zurück in die Abwehrkette gespielt oder sie  kamen nicht genau genug zum Mann. Alternativ spielten Galzev und Prödl die Bälle auf die Außen.

Dort war auf der linken Seite häufig der zuletzt nicht berücksichtige Elia zu finden. Der Niederländer spielte als hängende Spitze, ließ sich aber immer wieder fallen und rückte auf die Außen.Insgesamt agierte er aber oft glücklos, rannte sich in der  Abwehr der Stuttgarter fest. Ihm fehlt nach wie vor das Gefühl dafür, den Ball im richtigen Moment abzuspielen. So war es fast logisch, dass er 75% seiner Zweikämpfe verlor. Wenn er sich unter Skripnik nicht steigert, wird ein Transfer im Winter immer wahrscheinlicher.

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Bartels hingegen war in der ungwohnten Rolle als zentraler Spieler hinter den Spitzen zu finden, wechselte aber häufig die Postionen und ließ sich ebenfalls oft fallen. Dabei rückte er bei Angriffen der Stuttgartert rechts raus, um die Defensive zu unterstützen. Das schlug sich auch in seiner Laufleistung nieder. 11,7 Kilometer rannte der 27-Jährige bis zu seiner Auswechslung – bis dahin ein Bestwert. Bislang darf man Bartels als wahren „Glücksgriff“ von  Manager Thomas Eichin bezeichnen. Bartels kam ablösefrei und bestritt für St. Pauli 117 Ligaspiele, traf dabei 22 Mal und gab 21 Vorlagen. In der laufenden Saison erzielte Bartels bereits den zweiten Treffer für Werder Bremen in seiner 10. Bundsligapartie. Sein Marktwert hat sich inzwischen laut transfermarkt.de auf geschätzte 2 Millionen Euro hochgeschraubt.

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Nach dem Treffer in der 30. Minute durch Prödl kamen die Stuttgarter besser ins Spiel und hatten mehr Ballbesitz. Werder konnte das Spiel nicht mehr in die Hälfte der Gäste verschieben. Stuttgart blieb dennoch ungefährlich. Bis auf einen Schuß von Harnik und einen misslungenen Kopfball von Gentner blieben Großchanchen aus. Daran hatten vor allem Galvez und Selassie einen großten Anteil. Gebre Selassie gewann rund 63 Prozent seiner Zweikämpfe und zeigte sich geschickt in den Zweikämpfen. Auch Galvez fühlt sich in seiner jetztigen Rolle als Innenverteidiger dank Skripnik deutlich wohler. Rund 80 Prozent seiner Pässe kamen an, 50 Prozent seiner Zweikämpfe konnte der Spanier für sich entscheiden.

Nach der Pause begegneten sich beide Mannschaften auf Augenhöhe. Dabei fiel auf, das Werder zwar kompakter als in den Spielen zuvor stand, die zündenden Ideen aber noch fehlten. Positiv: Viele Bälle liefen übere mehrere Stationen direkt durch die eigenen Reihen. Es scheint, als käme die Sicherheit langsam wieder zurück ins Spiel der Bremer. Das zeigte sich vor allem bei Kontern, die bis zum 16er klug gespielt wurden. Im letzten Drittel des Feldes fehlt es noch an der nötigen Durchschlagskraft. Di Santo blieb im Sturm eher blass. Der Argentinier verlor 70 Prozent seiner Zweikämpfe, kam nur auf 35 Ballkontakte. So profitierten die Hanseaten heute nicht vom Torjäger, der aktuell von mehreren Vereinen aus der Bundesliga und dem Ausland umworben wird.

Das machte an diesem Abend aber nichts. Die Bremer waren gut auf die Stuttgarter eingestellt, ließen wenig zu und nutzen die Standard-Schwäche der Schwaben gnadenlos aus. So gewann Werder unter Viktor Skripnik alle drei Pflichtspiele. Dieser Traumstart gelang einst auch dem Erfolgstrainer Otto Rehhagel (in seiner zweiten Amtszeit) und dem heutigen Frankfurt-Trainer Thomas Schaaf.

Nun hat Werder zwei Wochen Zeit, unter Skripnik weiter zu arbeiten. Laut worum.org will Werder die Länderspielpause nutzen, um am kommenden Wochenden ein Testspiel zu veranstalten. Keine schlechte Idee: So kann der Schwung aus den drei Siegen aufrecht erhalten und weitere Automatismen einstudiert werden.

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„In den Augen der Nazis waren wir keine Menschen“

Es ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte: der Holocaust. Albrecht Weinberg (90) – womöglich der letzte lebende Zeitzeuge aus Ostfriesland, schildert an einem Gymnasium in Ostfriesland seine Eindrücke aus der schlimmen Zeit. Er erzählt, was ihm im Konzentrationslager Hoffnung gemacht hat, wie er überlebt hat und warum es ihm wichtg ist, die Nachwelt zu erinnern.

Albrecht Weinberg schaut in seinem Badezimmer in den Spiegel – wie fast jeden morgen. Seine blauen Augen sind von roten Rändern umgeben. Er hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Albträume haben ihn geplagt. Weinberg nimmt seine Brille ab, legt sie an den Rand seines Waschbeckens. Er greift zur Seife und wäscht sein Gesicht. Anschließend krempelt er die Ärmel seines Nachthemdes hoch. Zum Vorschein kommt eine verblasste, blaue Tätowierung auf seinem linken Unterarm: 116927. Als er auf die Zahlen schaut, schießen Tränen in seine Augen. Er nimmt einen nassen Waschlappen aus Frottee, reibt damit über die Ziffern. Zunächst mit leichtem Druck, dann etwas stärker. Die Haut rötet sich ein wenig, die Zahlen bleiben sichtbar. Vielleicht mehr Seife? „Nein, sie verschwinden nicht – sie verschwinden nie“, sagt Albrecht Weinberg. Es ist zwecklos. Zu oft hat er es schon versucht, viele Jahre lang. Die Ziffern gehören zu ihm, sind Teil seiner Geschichte, seines Wesens. Sie lassen sich nicht einfach wegwischen.

albrecht weinberg 2

Nazis brannten Albrecht Weinberg eine Kennung auf den Oberarm. Foto: Tirrel

Es herrscht Ruhe am Gymnasium in Rhauderfehn (Ostfriesland) als Weinberg die Szene schildert. Die Blicke der Schüler richten sich auf einen alten Mann, der auf einem Holzstuhl in einem Saal vor ihnen sitzt. Er trägt eine blaue Strickjacke, darunter ein kariertes Hemd und eine graue Stoffhose. Seine Augen wirken durch die großen Gläser seiner Brille sehr klein. Nicht einmal das Atmen der Jugendlichen ist zu hören. Auch Weinberg sagt einen Moment lang nichts, schaut zunächst nach rechts aus einem Fenster. Dann wendet er sich wieder an die Schüler. „Im April 1943 haben die Nazis mir die Zahlen im Konzentrationslager in Auschwitz in die Haut gebrannt.“ Die Nummer auf dem Arm diente ihnen als Kennung. „Menschen waren wir in den Augen der Nazis ohnehin nicht“, sagt der vermutlich letzte überlebende jüdische Zeitzeuge aus Ostfriesland.

„Darf ich die Tätowierung einmal sehen?“, fragt eine Schülerin. Der 90-Jährige nickt und bittet die Schülerin zu sich. Weitere Jugendliche folgen ihr und schauen auf den Arm des Mannes. Für einen Moment entspannen sich die Gesichtszüge von Albrecht Weinberg. Ihm ist es wichtig, die nachfolgenden Generationen über das wohl größte Verbrechen an die Menschheit aufzuklären. Leicht fällt es ihm aber nicht, davon zu erzählen. Immer wieder zementieren sich die düsteren Bilder in seinem Kopf. Trotzdem möchte er die Bilder teilen, die Welt erinnern, sagt er.

„Wer es nicht mehr ausgehalten hat, ist zum Wachzaun des Lagers gerannt, der unter Starkstrom stand. Dann gab es einen lauten Knall und das Licht war im Lager für kurze Zeit gelöscht“

Die Schüler setzen sich wieder, nachdem sie das Tattoo gesehen haben. Ein Mädchen hebt den Arm, will wissen, ob er sich noch an die letzten Tage vor der Deportation in Rhauderfehn erinnert. Dort, wo er aufgewachsen ist und seine Kindheit verbracht hat.

„Ich hab mit den anderen Kindern aus meinem Ort ganz normal gespielt“, sagt Weinberg. Als die NS-Ideologie Adolf Hitlers auch Ostfriesland erreichte, änderte sich die Meinung über die Juden – und damit auch über die Familie Weinberg. „Die anderen Kinder durften plötzlich nicht mehr mit mir spielen. Warum das so war, habe ich damals nicht verstanden.“ An eine Szene kann er sich aber besonders gut erinnern. „Ich lief auf einem zugefrorenen Tief Schlittschuh. Ich brach aus Unachtsamkeit ins Eis ein und wäre beinahe ertrunken.“ Seine Freunde und Bekannten standen damals am Straßenrand und sahen nur zu. Geholfen hat ihm keiner. Stattdessen haben sie gesungen: „Sit een Jööd in Deep, Sit een Jööd in Deep, wenn he versuppt, ik help hum neet.“ (Plattdeutsch: „Sitzt ein Jude im Tief, sitzt ein Jude im Tief, wenn er ertrinkt, ich helfe ihm nicht“). Befreien musste er sich alleine.

Ein Schüler vergräbt bei der Schilderung seine Hände tief im Gesicht und kneift seine Augen zusammen. Sein Lippen sind dabei eng zusammen gepresst. Die Beine wippen auf und ab. Sein rechter Sitznachbar schließt die Augen und schüttelt mit dem Kopf. Die Fingernägel der meisten Jugendlichen bohren sich tief in die Armlehnen der Stühle.

„Wenige Tage nach der Reichspogromnacht 1938 wurden wir nach Leer in einen Schlachthof gebracht“, fährt Weinberg fort. Die Juden aus der Region wurden zum Abtransport in Zügen vorbereitet. „Wo bringt ihr meine Mama und meinen Papa hin?“, schrie Albrecht damals, als die Nazis seine Familie trennten. Seine Eltern sah Weinberg an diesem Tag zum letzten Mal. Der 89-Jährige musste anschließend mit vielen anderen Juden in einen Wagon steigen. Wohin die Reise geht, wusste er nicht. „Es war eng. Wir hatten nichts zu Essen und nichts zu Trinken. Viele starben bereits während der Fahrt.“ Weinberg musste trotzdem mit ihnen zusammen im Wagon bleiben, sogar neben ihnen schlafen. Andere verrichteten notgedrungen ihr Geschäft neben den Leichen. Als sich die Türen des Wagons öffneten, war Albrecht Weinberg in Groß Bresen bei Breslau. Die Nazis zwangen ihn dort einige Jahre zu Forstarbeit.

Anschließend brachten die Nazis ihn im April 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz III: Monowitz. Als Weinberg davon erzählt, richtet sich sein Blick wieder auf seine Tätowierung. „Nach unserer Ankunft wurden wir direkt in enge, stinkende Baracken gepfercht – zusammen mit vielen anderen Juden.“ Einige waren nach den Transporten so schwach, dass sie einfach tot umfielen. „Zum Teil starben die Männer und Frauen im Stehen. Einige lehnten bereits tot auf meiner Schulter. So eng war es dort“, beschreibt er die Situation in den Baracken. Es dauerte oft Tage, bis die Toten raus geholt wurden. „Andere, die noch lebten, schrien vor Schmerzen. Sie hatten entzündete Wunden und andere Krankheiten“, so Weinberg. „Wer es nicht mehr ausgehalten hat, ist zum Wachzaun des Lagers gerannt, der unter Starkstrom stand. Dann gab es einen lauten Knall und das Licht war im Lager für kurze Zeit gelöscht.“

„Es war mir egal. Ich hab nichts mehr gefühlt. Ich war mit der Zeit kein Mensch mehr“

Wieder hebt eine Schülerin den Arm und fragt: „Wie haben Sie das damals ausgehalten?“ Weinberg: „Es war mir egal. Ich hab nichts mehr gefühlt. Ich war mit der Zeit kein Mensch mehr.“ Zu schlimm sei das Unheil gewesen, was er mit eigenen Augen Tag für Tag ansehen musste. Zu abgestumpft war irgendwann das Empfinden.

Geholfen hat ihm aber sein Bruder. „Den habe ich zu meiner großen Freude und Überraschung im KZ wieder getroffen.“ Er habe Weinberg Mut zugesprochen. Ihn immer wieder motiviert, durchzuhalten.

Als die Rote Armee 1945 von Osten anrückte, verlegten die Deutschen Weinberg mit weiteren Häftlingen ins KZ Mittelbau-Dora. Die Juden mussten an der Produktion der „Vergeltungswaffe 2“ mitwirken. Gegen Ende des Krieges brachten sie ihn nach Bergen-Belsen. Dort befreiten ihn schließlich die Alliierten. „Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag.“ Zu entkräftet sei er gewesen. „Vermutlich lag ich unter einem Leichenhaufen auf dem Vorplatz des Konzentrationslagers.“ Während Weinberg die Situation beschreibt, ist in seinem Gesicht keine Regung zu erkennen. Kein Mundwinkel zuckt, kein tiefes Luftholen, kein aufatmen – nichts.

Wieder meldet sich eine Schülerin und fragt: „Herr Weinberg, glauben Sie noch an Gott?“ Im großen Saal des Gymnasiums ist es einen Moment lang still. „Ja – aber nicht auf die Weise, wie ich es vorher getan habe“, antwortet Albrecht Weinberg. Nachvollziehen könne er die schlimme Zeit wohl nie. Dennoch ist er dankbar für sein Leben, für die Einladungen zu Gedenkfeiern und dafür, die nachfolgenden Generationen zu erinnern. „Heute“, sagt er „heute bin ich wieder ein Mensch.“

Der wahre Umbruch an der Weser

Es ist der 24. Oktober, 21:30 Uhr. Ich sitze zum zweiten Mal in der laufenden Saison im Weserstadion. Der Schiedsrichter pfeift gerade die Partie gegen den Bundesliga-Aufsteiger aus Köln an. Das Flutlicht scheint auf den Rasen und die Spieler herab, die Ostkurve ist lautstark im  Stadion zu hören. Grün-Weiße Fanschals tauchen die Ränge in die Vereinsfarben von Werder Bremen – perfekte Voraussetzungen für einen tollen Fußballabend. Für Werder geht es heute um viel. Bremen möchte aus dem Abstiegssumpf. Vier Zähler sind bis Dato zu wenig.

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Vor mir sitzt ein gut gelaunter Köln Fan. Immer wieder steht er während der Anfangsminuten auf, versperrt mir die Sicht und feuert seinen „Eff-Cee“ an. Wenn er mal sitzt, schwingt er propellerartig seinen Schal durch die Luft, direkt vor meiner Nase. Vom Spiel sehe die erste Halbzeit daher ich nicht sonderlich viel – aber das macht an diesem kalten Abend in Bremen auch nichts. Werder zeigt nämlich keine gute Leistung, wie bereits so oft in der laufenden Saison. Viele Pässe der Grün-Weißen landen bei den Gegnern, hohe Bälle passieren den Bremer Luftraum häufiger als Lufthansa-Jets, kreative Ideen sind Mangelware. „Not Gegen Elend“, sagt ein Sitznachbar zu mir. Recht hat er. Im selben Moment startet Werder einen vielversprechenden Angriff. Der Kölnfan, der vor mir sitzt, steht auf und versperrt mir in selben Moment erneut den Blick. Dennoch unternehme ich keine Bemühungen aufzustehen oder meinen Kopf zu verrenken, um etwas zu sehen. Es macht mir offenbar nichts aus, das Spiel hat mich noch nicht in seinen Bann gezogen. Ich vernehme kurz darauf ein Raunen, der Kölnfan setzt sich wieder. Werder hat inzwischen den Ball an den Gegner abgegeben und wird ausgekontert. Kurz darauf brechen Jubelschreie im Gästeblock aus – 1:0 für FC Köln. Ein paar Sitzreihen hinter mir winken die Fans ab: „Ist das schlecht“, „Wir werden wohl absteigen“, „Was ist nur aus Werder geworden?“ Das Gegentor schockiert mich nicht sonderlich. Es ist inzwischen nur eines unter vielen. Zu viele Tore hat Werder die letzten Monate kassiert. Das Spiel plätscherte anschließend vor sich hin, große Chancen für Werder sollten an diesem Abend ausbleiben. Mit geknickten Kopf verließ ich das Stadion und ging in Richtung Osterdeich – wie so viele Bremer Anhänger.

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Es war an diesem Abend wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis  Trainer Robin Dutt entlassen wird. Mit großen Ambitionen wollte er den Traditionsverein wieder in die richtigen Bahnen lenken – leider erfolglos. Werder hat sich nicht weiterentwickelt nach der Entlassung von Thomas Schaaf. Das wurde auch dem letzten Fan an diesem Abend deutlich. Die Identifikation ging  nach und nach immer mehr verloren – Spieltag für Spieltag. Die Norddeutschen konnten offenbar wenig mit Dutt anfangen. Vielmehr suchte man am Ende nach Gründen, um den Trainer zu mögen. Unsympathisch war er nicht. Ein freundlicher Mann, der sich voll mit dem Verein identifizierte. Aber irgendwas fehlte an ihm. Es fand einfach keine Entwicklung statt.  Werder wirkte – je länger der Erfolg aus blieb – nicht mehr wie eine Familie. Der Spieler lieferten monatelang eine Leistung ab, die eines Bundesligisten nicht würdig war. Vielmehr „glänzte“ Werder durch öffentliche Diskussionen – mittendrin Jürgen Born und Willi Lemke. Hinzu kam die öffentliche Debatte über fehlende Gelder. Sowas war man als Fan seines Vereins jahrelang nicht gewohnt. Darauf hätte jeder gut und gerne verzichten können – sowas gehört intern ausgetragen.

Rund 2 Wochen später hat sich einiges getan beim SVW. So stehen inzwischen 2 Siege auf dem Konto – aber nicht unter der Leitung von Dutt. Inzwischen ist ein weiteres Glied aus der Werderfamilie vorgerückt. Ein Mann mit Kultpotential, mit klaren Worten.

“Wir sind Männer. Wir haben Testosteron. Wir wollen immer was anderes. Besser, schneller, weiter. Genauso bin ich“                                                                                            – Viktor Srikpnik-

Ein Mann, mit dem sich die Fans wieder identifizieren können, der sein letztes Hemd für den Verein geben würde. Es ist Viktor Skripnik, der die Hercules-Aufgabe angehen will, einen einst erfolgreichen Traditionsverein wieder in die richtige Bahn zu lenken. Gegen Chemnitz im DFB-Pokal ist es ihm mit einem 2:0-Sieg gelungen. Balsam für die geschundene Werderseele. Ein Werdersieg lag immerhin schon einige Monate zurück. Ein paar Tage später, am 1. November, gelingt ihm sogar der erste Saisonsieg auswärts in Mainz. Ich musste mir an der Schlachte im Cafe Barcelona die Augen reiben. War das wirklich di Santo, der  in Weltklasse-Manier den Ball über den Mainzer Keeper Karius in die Maschen schlenzt? Wann haben die Werderfans sowas zuletzt gesehen? Tatsache, die Anzeige am rechten oberen Bildschirmrand war eindeutig. 2:1 für Werder – und das sollte auch so bleiben. Obwohl ich vor Abpfiff das Café verlassen musste, zeigte mir die Kicker-App eine halbe Stunde später auf dem Smartphone immer noch das Ergebnis an. Freude machte sich breit. Ein kleines „Wir-Gefühl“ kam wieder in mir auf. Wir, die Fans, ein altbekanntes Gesicht auf der Trainerbank – und tolle Tore. Das alles gehörte an diesem Nachmittag wieder zu Werder Bremen.

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Es machte Spaß, sich noch einmal die Zusammenfassung in der Sportschau anzusehen. Es machte Spaß, einen sympathischen und authentischen Trainer auf der Bank zu sehen. Natürlich ist noch viel für das neue Trainergespann „Skrippo“ und „Lutscher“ zu tun. Werder ist immer noch auf dem letzten Tabellenplatz, das Spiel wirkt zum Teil immer noch sehr zäh und stark entwicklungsbedürftig. Aber darum geht es nicht. Wichtiger ist, dass offenbar ein Team zu wachsen scheint. Das ein Trainer an der Seite ist, der die Mannschaft nicht nur leitet, sondern für sie lebt. Ein Übungsleiter, der verstanden wird, der nicht nur in der Theorie lebt. Das überträgt sich auf die Spieler, das überträgt sich auf die Fans. Vielleicht war dieser Wechsel erst der wahre Umbruch, der an der Weser längst überfällig war.