„In den Augen der Nazis waren wir keine Menschen“

Es ist ein Schandfleck in der deutschen Geschichte: der Holocaust. Albrecht Weinberg (90) – womöglich der letzte lebende Zeitzeuge aus Ostfriesland, schildert an einem Gymnasium in Ostfriesland seine Eindrücke aus der schlimmen Zeit. Er erzählt, was ihm im Konzentrationslager Hoffnung gemacht hat, wie er überlebt hat und warum es ihm wichtg ist, die Nachwelt zu erinnern.

Albrecht Weinberg schaut in seinem Badezimmer in den Spiegel – wie fast jeden morgen. Seine blauen Augen sind von roten Rändern umgeben. Er hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Albträume haben ihn geplagt. Weinberg nimmt seine Brille ab, legt sie an den Rand seines Waschbeckens. Er greift zur Seife und wäscht sein Gesicht. Anschließend krempelt er die Ärmel seines Nachthemdes hoch. Zum Vorschein kommt eine verblasste, blaue Tätowierung auf seinem linken Unterarm: 116927. Als er auf die Zahlen schaut, schießen Tränen in seine Augen. Er nimmt einen nassen Waschlappen aus Frottee, reibt damit über die Ziffern. Zunächst mit leichtem Druck, dann etwas stärker. Die Haut rötet sich ein wenig, die Zahlen bleiben sichtbar. Vielleicht mehr Seife? „Nein, sie verschwinden nicht – sie verschwinden nie“, sagt Albrecht Weinberg. Es ist zwecklos. Zu oft hat er es schon versucht, viele Jahre lang. Die Ziffern gehören zu ihm, sind Teil seiner Geschichte, seines Wesens. Sie lassen sich nicht einfach wegwischen.

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Nazis brannten Albrecht Weinberg eine Kennung auf den Oberarm. Foto: Tirrel

Es herrscht Ruhe am Gymnasium in Rhauderfehn (Ostfriesland) als Weinberg die Szene schildert. Die Blicke der Schüler richten sich auf einen alten Mann, der auf einem Holzstuhl in einem Saal vor ihnen sitzt. Er trägt eine blaue Strickjacke, darunter ein kariertes Hemd und eine graue Stoffhose. Seine Augen wirken durch die großen Gläser seiner Brille sehr klein. Nicht einmal das Atmen der Jugendlichen ist zu hören. Auch Weinberg sagt einen Moment lang nichts, schaut zunächst nach rechts aus einem Fenster. Dann wendet er sich wieder an die Schüler. „Im April 1943 haben die Nazis mir die Zahlen im Konzentrationslager in Auschwitz in die Haut gebrannt.“ Die Nummer auf dem Arm diente ihnen als Kennung. „Menschen waren wir in den Augen der Nazis ohnehin nicht“, sagt der vermutlich letzte überlebende jüdische Zeitzeuge aus Ostfriesland.

„Darf ich die Tätowierung einmal sehen?“, fragt eine Schülerin. Der 90-Jährige nickt und bittet die Schülerin zu sich. Weitere Jugendliche folgen ihr und schauen auf den Arm des Mannes. Für einen Moment entspannen sich die Gesichtszüge von Albrecht Weinberg. Ihm ist es wichtig, die nachfolgenden Generationen über das wohl größte Verbrechen an die Menschheit aufzuklären. Leicht fällt es ihm aber nicht, davon zu erzählen. Immer wieder zementieren sich die düsteren Bilder in seinem Kopf. Trotzdem möchte er die Bilder teilen, die Welt erinnern, sagt er.

„Wer es nicht mehr ausgehalten hat, ist zum Wachzaun des Lagers gerannt, der unter Starkstrom stand. Dann gab es einen lauten Knall und das Licht war im Lager für kurze Zeit gelöscht“

Die Schüler setzen sich wieder, nachdem sie das Tattoo gesehen haben. Ein Mädchen hebt den Arm, will wissen, ob er sich noch an die letzten Tage vor der Deportation in Rhauderfehn erinnert. Dort, wo er aufgewachsen ist und seine Kindheit verbracht hat.

„Ich hab mit den anderen Kindern aus meinem Ort ganz normal gespielt“, sagt Weinberg. Als die NS-Ideologie Adolf Hitlers auch Ostfriesland erreichte, änderte sich die Meinung über die Juden – und damit auch über die Familie Weinberg. „Die anderen Kinder durften plötzlich nicht mehr mit mir spielen. Warum das so war, habe ich damals nicht verstanden.“ An eine Szene kann er sich aber besonders gut erinnern. „Ich lief auf einem zugefrorenen Tief Schlittschuh. Ich brach aus Unachtsamkeit ins Eis ein und wäre beinahe ertrunken.“ Seine Freunde und Bekannten standen damals am Straßenrand und sahen nur zu. Geholfen hat ihm keiner. Stattdessen haben sie gesungen: „Sit een Jööd in Deep, Sit een Jööd in Deep, wenn he versuppt, ik help hum neet.“ (Plattdeutsch: „Sitzt ein Jude im Tief, sitzt ein Jude im Tief, wenn er ertrinkt, ich helfe ihm nicht“). Befreien musste er sich alleine.

Ein Schüler vergräbt bei der Schilderung seine Hände tief im Gesicht und kneift seine Augen zusammen. Sein Lippen sind dabei eng zusammen gepresst. Die Beine wippen auf und ab. Sein rechter Sitznachbar schließt die Augen und schüttelt mit dem Kopf. Die Fingernägel der meisten Jugendlichen bohren sich tief in die Armlehnen der Stühle.

„Wenige Tage nach der Reichspogromnacht 1938 wurden wir nach Leer in einen Schlachthof gebracht“, fährt Weinberg fort. Die Juden aus der Region wurden zum Abtransport in Zügen vorbereitet. „Wo bringt ihr meine Mama und meinen Papa hin?“, schrie Albrecht damals, als die Nazis seine Familie trennten. Seine Eltern sah Weinberg an diesem Tag zum letzten Mal. Der 89-Jährige musste anschließend mit vielen anderen Juden in einen Wagon steigen. Wohin die Reise geht, wusste er nicht. „Es war eng. Wir hatten nichts zu Essen und nichts zu Trinken. Viele starben bereits während der Fahrt.“ Weinberg musste trotzdem mit ihnen zusammen im Wagon bleiben, sogar neben ihnen schlafen. Andere verrichteten notgedrungen ihr Geschäft neben den Leichen. Als sich die Türen des Wagons öffneten, war Albrecht Weinberg in Groß Bresen bei Breslau. Die Nazis zwangen ihn dort einige Jahre zu Forstarbeit.

Anschließend brachten die Nazis ihn im April 1943 ins Konzentrationslager Auschwitz III: Monowitz. Als Weinberg davon erzählt, richtet sich sein Blick wieder auf seine Tätowierung. „Nach unserer Ankunft wurden wir direkt in enge, stinkende Baracken gepfercht – zusammen mit vielen anderen Juden.“ Einige waren nach den Transporten so schwach, dass sie einfach tot umfielen. „Zum Teil starben die Männer und Frauen im Stehen. Einige lehnten bereits tot auf meiner Schulter. So eng war es dort“, beschreibt er die Situation in den Baracken. Es dauerte oft Tage, bis die Toten raus geholt wurden. „Andere, die noch lebten, schrien vor Schmerzen. Sie hatten entzündete Wunden und andere Krankheiten“, so Weinberg. „Wer es nicht mehr ausgehalten hat, ist zum Wachzaun des Lagers gerannt, der unter Starkstrom stand. Dann gab es einen lauten Knall und das Licht war im Lager für kurze Zeit gelöscht.“

„Es war mir egal. Ich hab nichts mehr gefühlt. Ich war mit der Zeit kein Mensch mehr“

Wieder hebt eine Schülerin den Arm und fragt: „Wie haben Sie das damals ausgehalten?“ Weinberg: „Es war mir egal. Ich hab nichts mehr gefühlt. Ich war mit der Zeit kein Mensch mehr.“ Zu schlimm sei das Unheil gewesen, was er mit eigenen Augen Tag für Tag ansehen musste. Zu abgestumpft war irgendwann das Empfinden.

Geholfen hat ihm aber sein Bruder. „Den habe ich zu meiner großen Freude und Überraschung im KZ wieder getroffen.“ Er habe Weinberg Mut zugesprochen. Ihn immer wieder motiviert, durchzuhalten.

Als die Rote Armee 1945 von Osten anrückte, verlegten die Deutschen Weinberg mit weiteren Häftlingen ins KZ Mittelbau-Dora. Die Juden mussten an der Produktion der „Vergeltungswaffe 2“ mitwirken. Gegen Ende des Krieges brachten sie ihn nach Bergen-Belsen. Dort befreiten ihn schließlich die Alliierten. „Ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag.“ Zu entkräftet sei er gewesen. „Vermutlich lag ich unter einem Leichenhaufen auf dem Vorplatz des Konzentrationslagers.“ Während Weinberg die Situation beschreibt, ist in seinem Gesicht keine Regung zu erkennen. Kein Mundwinkel zuckt, kein tiefes Luftholen, kein aufatmen – nichts.

Wieder meldet sich eine Schülerin und fragt: „Herr Weinberg, glauben Sie noch an Gott?“ Im großen Saal des Gymnasiums ist es einen Moment lang still. „Ja – aber nicht auf die Weise, wie ich es vorher getan habe“, antwortet Albrecht Weinberg. Nachvollziehen könne er die schlimme Zeit wohl nie. Dennoch ist er dankbar für sein Leben, für die Einladungen zu Gedenkfeiern und dafür, die nachfolgenden Generationen zu erinnern. „Heute“, sagt er „heute bin ich wieder ein Mensch.“