Über Standards zum Erfolg

11. Spieltag, 8.11.14 / 18:30 Uhr  / Werder Bremen 2:0 VFB Stuttgart

Junuzovic steht zur Ecke bereit. Mit ordentlich Wucht schlägt er den Ball in Richtung 16er der Stutttgarter. Sebastian Prödl setzt sich mit energischem – aber fairem – Körpereinsatz gegen Klein durch und Köpft den Ball gegen den Unterleib vom Stuttgarter Abwehrmann Rüdiger. Von seiner Hüfte rauscht der Ball ins Netz. 1:0 für Werder (30.). Damit war gestern der Grundstein für den 2:0-Erfolg im Kellerduell gegen VFB Stuttgart gelegt – und das war kein Zufall.

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Werders Trainer Viktor Skripnik deute im Sky-Interview an, die Spielweise der Stuttgarter die Woche über genau analysiert und seine Mannschaft darauf eingestellt zu haben. „Die haben vor allem bei Standards ihre Probleme“ , so Skripnik. Das wurde beim zweiten Treffer der Werderaner durch Fin Bartels (57.) noch deutlicher. Wieder bringt der Österreicher Junuzovic eine Flanke von der rechten Seite herein. Bartels lauert zunächst beim Mainzer Keeper Kirschbaum, löst sich geschickt indem Moment, wo Junuzovic anläuft und begibt sich in den freien Rückraum der Abwehr. Dort trifft er den flachen Ball vom Österreicher perfekt. Die Kugel zischt in Richtung Pfosten und prallt von dort ins Netz. Das soll im Training allerdings nicht geklappt haben (siehe Video unten). Umso besser, dass die Ecken schließlich im Spiel zum Erfolg führten. Dabei verwies Skripnik aber nicht nur auf die eigene Trainingswoche, sondern hatte für seinen Vorgänger Robin Dutt ebenfalls lobende Worte parat. Dort seien die Varianten bereits öfter geübt worden.

 

Die Ecken klappten gut, das Weder Spiel an sich nahm nach Anpfiff nur schwer fahrt auf. Die Bremer spielten zwar gewohnt kämpferisch, spielerisch war durchaus noch Luft nach oben. Zwar versuchten die Innenverteidiger Prödl und Galvez die Situationen mit kurzen Pässen zu lösen, doch kluge Ideen blieben Mangelware. Die Handschrift von „Skrippo“ ist allerdings zu erkennen. Lange Bälle wurden kaum gespielt – und wenn, dann nur unter hohem Druck. Das Problem war allerdings, dass im Mittelfeld die Anspielstationen fehlten. Pässe in die Tiefe wurden zumeist von den Werderanern direkt wieder zurück in die Abwehrkette gespielt oder sie  kamen nicht genau genug zum Mann. Alternativ spielten Galzev und Prödl die Bälle auf die Außen.

Dort war auf der linken Seite häufig der zuletzt nicht berücksichtige Elia zu finden. Der Niederländer spielte als hängende Spitze, ließ sich aber immer wieder fallen und rückte auf die Außen.Insgesamt agierte er aber oft glücklos, rannte sich in der  Abwehr der Stuttgarter fest. Ihm fehlt nach wie vor das Gefühl dafür, den Ball im richtigen Moment abzuspielen. So war es fast logisch, dass er 75% seiner Zweikämpfe verlor. Wenn er sich unter Skripnik nicht steigert, wird ein Transfer im Winter immer wahrscheinlicher.

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Bartels hingegen war in der ungwohnten Rolle als zentraler Spieler hinter den Spitzen zu finden, wechselte aber häufig die Postionen und ließ sich ebenfalls oft fallen. Dabei rückte er bei Angriffen der Stuttgartert rechts raus, um die Defensive zu unterstützen. Das schlug sich auch in seiner Laufleistung nieder. 11,7 Kilometer rannte der 27-Jährige bis zu seiner Auswechslung – bis dahin ein Bestwert. Bislang darf man Bartels als wahren „Glücksgriff“ von  Manager Thomas Eichin bezeichnen. Bartels kam ablösefrei und bestritt für St. Pauli 117 Ligaspiele, traf dabei 22 Mal und gab 21 Vorlagen. In der laufenden Saison erzielte Bartels bereits den zweiten Treffer für Werder Bremen in seiner 10. Bundsligapartie. Sein Marktwert hat sich inzwischen laut transfermarkt.de auf geschätzte 2 Millionen Euro hochgeschraubt.

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Nach dem Treffer in der 30. Minute durch Prödl kamen die Stuttgarter besser ins Spiel und hatten mehr Ballbesitz. Werder konnte das Spiel nicht mehr in die Hälfte der Gäste verschieben. Stuttgart blieb dennoch ungefährlich. Bis auf einen Schuß von Harnik und einen misslungenen Kopfball von Gentner blieben Großchanchen aus. Daran hatten vor allem Galvez und Selassie einen großten Anteil. Gebre Selassie gewann rund 63 Prozent seiner Zweikämpfe und zeigte sich geschickt in den Zweikämpfen. Auch Galvez fühlt sich in seiner jetztigen Rolle als Innenverteidiger dank Skripnik deutlich wohler. Rund 80 Prozent seiner Pässe kamen an, 50 Prozent seiner Zweikämpfe konnte der Spanier für sich entscheiden.

Nach der Pause begegneten sich beide Mannschaften auf Augenhöhe. Dabei fiel auf, das Werder zwar kompakter als in den Spielen zuvor stand, die zündenden Ideen aber noch fehlten. Positiv: Viele Bälle liefen übere mehrere Stationen direkt durch die eigenen Reihen. Es scheint, als käme die Sicherheit langsam wieder zurück ins Spiel der Bremer. Das zeigte sich vor allem bei Kontern, die bis zum 16er klug gespielt wurden. Im letzten Drittel des Feldes fehlt es noch an der nötigen Durchschlagskraft. Di Santo blieb im Sturm eher blass. Der Argentinier verlor 70 Prozent seiner Zweikämpfe, kam nur auf 35 Ballkontakte. So profitierten die Hanseaten heute nicht vom Torjäger, der aktuell von mehreren Vereinen aus der Bundesliga und dem Ausland umworben wird.

Das machte an diesem Abend aber nichts. Die Bremer waren gut auf die Stuttgarter eingestellt, ließen wenig zu und nutzen die Standard-Schwäche der Schwaben gnadenlos aus. So gewann Werder unter Viktor Skripnik alle drei Pflichtspiele. Dieser Traumstart gelang einst auch dem Erfolgstrainer Otto Rehhagel (in seiner zweiten Amtszeit) und dem heutigen Frankfurt-Trainer Thomas Schaaf.

Nun hat Werder zwei Wochen Zeit, unter Skripnik weiter zu arbeiten. Laut worum.org will Werder die Länderspielpause nutzen, um am kommenden Wochenden ein Testspiel zu veranstalten. Keine schlechte Idee: So kann der Schwung aus den drei Siegen aufrecht erhalten und weitere Automatismen einstudiert werden.

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Der wahre Umbruch an der Weser

Es ist der 24. Oktober, 21:30 Uhr. Ich sitze zum zweiten Mal in der laufenden Saison im Weserstadion. Der Schiedsrichter pfeift gerade die Partie gegen den Bundesliga-Aufsteiger aus Köln an. Das Flutlicht scheint auf den Rasen und die Spieler herab, die Ostkurve ist lautstark im  Stadion zu hören. Grün-Weiße Fanschals tauchen die Ränge in die Vereinsfarben von Werder Bremen – perfekte Voraussetzungen für einen tollen Fußballabend. Für Werder geht es heute um viel. Bremen möchte aus dem Abstiegssumpf. Vier Zähler sind bis Dato zu wenig.

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Vor mir sitzt ein gut gelaunter Köln Fan. Immer wieder steht er während der Anfangsminuten auf, versperrt mir die Sicht und feuert seinen „Eff-Cee“ an. Wenn er mal sitzt, schwingt er propellerartig seinen Schal durch die Luft, direkt vor meiner Nase. Vom Spiel sehe die erste Halbzeit daher ich nicht sonderlich viel – aber das macht an diesem kalten Abend in Bremen auch nichts. Werder zeigt nämlich keine gute Leistung, wie bereits so oft in der laufenden Saison. Viele Pässe der Grün-Weißen landen bei den Gegnern, hohe Bälle passieren den Bremer Luftraum häufiger als Lufthansa-Jets, kreative Ideen sind Mangelware. „Not Gegen Elend“, sagt ein Sitznachbar zu mir. Recht hat er. Im selben Moment startet Werder einen vielversprechenden Angriff. Der Kölnfan, der vor mir sitzt, steht auf und versperrt mir in selben Moment erneut den Blick. Dennoch unternehme ich keine Bemühungen aufzustehen oder meinen Kopf zu verrenken, um etwas zu sehen. Es macht mir offenbar nichts aus, das Spiel hat mich noch nicht in seinen Bann gezogen. Ich vernehme kurz darauf ein Raunen, der Kölnfan setzt sich wieder. Werder hat inzwischen den Ball an den Gegner abgegeben und wird ausgekontert. Kurz darauf brechen Jubelschreie im Gästeblock aus – 1:0 für FC Köln. Ein paar Sitzreihen hinter mir winken die Fans ab: „Ist das schlecht“, „Wir werden wohl absteigen“, „Was ist nur aus Werder geworden?“ Das Gegentor schockiert mich nicht sonderlich. Es ist inzwischen nur eines unter vielen. Zu viele Tore hat Werder die letzten Monate kassiert. Das Spiel plätscherte anschließend vor sich hin, große Chancen für Werder sollten an diesem Abend ausbleiben. Mit geknickten Kopf verließ ich das Stadion und ging in Richtung Osterdeich – wie so viele Bremer Anhänger.

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Es war an diesem Abend wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis  Trainer Robin Dutt entlassen wird. Mit großen Ambitionen wollte er den Traditionsverein wieder in die richtigen Bahnen lenken – leider erfolglos. Werder hat sich nicht weiterentwickelt nach der Entlassung von Thomas Schaaf. Das wurde auch dem letzten Fan an diesem Abend deutlich. Die Identifikation ging  nach und nach immer mehr verloren – Spieltag für Spieltag. Die Norddeutschen konnten offenbar wenig mit Dutt anfangen. Vielmehr suchte man am Ende nach Gründen, um den Trainer zu mögen. Unsympathisch war er nicht. Ein freundlicher Mann, der sich voll mit dem Verein identifizierte. Aber irgendwas fehlte an ihm. Es fand einfach keine Entwicklung statt.  Werder wirkte – je länger der Erfolg aus blieb – nicht mehr wie eine Familie. Der Spieler lieferten monatelang eine Leistung ab, die eines Bundesligisten nicht würdig war. Vielmehr „glänzte“ Werder durch öffentliche Diskussionen – mittendrin Jürgen Born und Willi Lemke. Hinzu kam die öffentliche Debatte über fehlende Gelder. Sowas war man als Fan seines Vereins jahrelang nicht gewohnt. Darauf hätte jeder gut und gerne verzichten können – sowas gehört intern ausgetragen.

Rund 2 Wochen später hat sich einiges getan beim SVW. So stehen inzwischen 2 Siege auf dem Konto – aber nicht unter der Leitung von Dutt. Inzwischen ist ein weiteres Glied aus der Werderfamilie vorgerückt. Ein Mann mit Kultpotential, mit klaren Worten.

“Wir sind Männer. Wir haben Testosteron. Wir wollen immer was anderes. Besser, schneller, weiter. Genauso bin ich“                                                                                            – Viktor Srikpnik-

Ein Mann, mit dem sich die Fans wieder identifizieren können, der sein letztes Hemd für den Verein geben würde. Es ist Viktor Skripnik, der die Hercules-Aufgabe angehen will, einen einst erfolgreichen Traditionsverein wieder in die richtige Bahn zu lenken. Gegen Chemnitz im DFB-Pokal ist es ihm mit einem 2:0-Sieg gelungen. Balsam für die geschundene Werderseele. Ein Werdersieg lag immerhin schon einige Monate zurück. Ein paar Tage später, am 1. November, gelingt ihm sogar der erste Saisonsieg auswärts in Mainz. Ich musste mir an der Schlachte im Cafe Barcelona die Augen reiben. War das wirklich di Santo, der  in Weltklasse-Manier den Ball über den Mainzer Keeper Karius in die Maschen schlenzt? Wann haben die Werderfans sowas zuletzt gesehen? Tatsache, die Anzeige am rechten oberen Bildschirmrand war eindeutig. 2:1 für Werder – und das sollte auch so bleiben. Obwohl ich vor Abpfiff das Café verlassen musste, zeigte mir die Kicker-App eine halbe Stunde später auf dem Smartphone immer noch das Ergebnis an. Freude machte sich breit. Ein kleines „Wir-Gefühl“ kam wieder in mir auf. Wir, die Fans, ein altbekanntes Gesicht auf der Trainerbank – und tolle Tore. Das alles gehörte an diesem Nachmittag wieder zu Werder Bremen.

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Es machte Spaß, sich noch einmal die Zusammenfassung in der Sportschau anzusehen. Es machte Spaß, einen sympathischen und authentischen Trainer auf der Bank zu sehen. Natürlich ist noch viel für das neue Trainergespann „Skrippo“ und „Lutscher“ zu tun. Werder ist immer noch auf dem letzten Tabellenplatz, das Spiel wirkt zum Teil immer noch sehr zäh und stark entwicklungsbedürftig. Aber darum geht es nicht. Wichtiger ist, dass offenbar ein Team zu wachsen scheint. Das ein Trainer an der Seite ist, der die Mannschaft nicht nur leitet, sondern für sie lebt. Ein Übungsleiter, der verstanden wird, der nicht nur in der Theorie lebt. Das überträgt sich auf die Spieler, das überträgt sich auf die Fans. Vielleicht war dieser Wechsel erst der wahre Umbruch, der an der Weser längst überfällig war.