Der „Beckham der Ukraine“

Drei Pflichtspiele – drei Siege. Viktor Skripnik hat seine Aufgabe als neuer Cheftrainer von Werder Bremen mit einer makellosen Bilanz begonnen. Das gelang bislang nur Otto Rehagel sowie dem Ex-Coach und heutigem Frankfurt-Trainer Thomas Schaaf. Doch wer ist eigenlich dieser Skripnik? Auf den Spuren eines ehemaligen Werderprofis.

Es war sein erstes Training als Chefcoach. Viele Werderfans waren gekommen, um den neuen Übungsleiter bei seiner ersten Einheit zu beobachten. So einen Trubel hatte es zuletzt in den besten Tagen von Ex-Coach Thomas Schaaf gegeben. Dichtes Gedränge herrschte am Zaun des Trainingesländes. Für den sonst im Hintergrund arbeitenden ehemaligen U23-Trainer eine ungewohnte, aber angenehme Rolle: „Natürlich angenehm, wenn du stehst da und viele zuschauen wollen. Das ist schon sehr sehr sehr gut.“

Lange Überzeugungsarbeit brauchte es für Skripnik nicht. Nachdem Manager Thomas Eichin den Ukrainer fragte, ob er das Amt von Robin Dutt übernehmen wolle, musste er nicht lange überlegen. „Ich wollte nicht lügen und so tun, als muss ich überlegen. Ich habe sofort zugesagt.“, betont Skripnik.

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Aber wer ist eigentlich dieser Trainer? Woher kommt er? Was ist seine Geschichte? Geboren wurde Skripnik am 19. November 1969 in Nowomoskowsk (Ukraine), einer Stadt mit rund 72 000 Einwohnern. Die größte und bekannteste Sehenswürdigkeit ist die Dreifaltigkeitskathedrale.

In der Ukraine spielte Skripnik als 17-Jähriger in der Saison 1986/87 in der U17 von Dnipro Dnipropetrovsk, einer der damals erfolgreichsten Vereine in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Ein Jahr später gelang ihm der Aufstieg in die Amateurmannschaft. Schließlich schaffte es der linke Verteidiger 1988 in den Profikader. Im selben Jahr wurde Skripnik allerdings an Metalurg Zaporizhya abgegeben. Die größten Erfolge von Metalurg war der Gewinn des Pokalfinales der Ukrainischen Sowjerepublik in den Jahren 1951 und 1952, also lange vor Skripniks aktiver Laufbahn. Dort spielte Skripnik bis 1994, bis er als frisch gebackener Nationalspieler zu seinem ehemaligen Verein und Ligakonkurrenten Dnipropetrovsk zurückkehrte.

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1996 folgte schließlich der Transfer zu Werder Bremen. Für die Hanseaten kickte der Ukrainer bis 2004. Dor erzielte der Abwehrspieler in 138 Ligaspielen sieben Tore, gab acht Vorlagen und feierte in seiner letzten Saison den Gewinn des Doubles 2003/2004 unter Thomas Schaaf. Nach seinem Wechsel in die Hansestadt wuchs Skripnik schnell zu einer verlässlichen Säule in der Bremer Defensive heran. Dieter Eilts urteilte damals über seinen Abwehrkameranden wie folgt: „Skripnik ist ein sehr ruhiger Typ, auf den man sich 100 prozentig verlassen kann.“

Um Deutsch zu lernen, büffelte Skripnik zwischen den Trainingseinheiten im Zimmer des Präsidiums. „Ein Stück Toast mit Butter“, stand auf einer seiner Lernkarten, wie in einem alten Sportblitz-Video zu sehen ist. Neben Fußball-Vokabeln war ihm das Essen wohl wichtig. So fand der Nationalspieler schnell sein Lieblingsrestaurant mit ukrainischen Spezialitäten (Restaurant Kiew) im Bremer Stadteil Walle. Dort kehrte er häufig mit seiner Familie am Sonntag zum Essen ein. In einem Interview in dem Lokal hob Skripnik  1997 den Unterschied zu seiner alten Wirkungsstätte bei Dnipropetrovsk hervor: „In der Bundesliga läuft es anders. Hier ist alles viel professioneller.“ An das Niveau gewöhnte sich der linke Verteidiger schnell. Er reifte zu einem bissigem, zweikampfstarken Abwehrmann.

Damaliges Spielerprofil auf der Werder Seite im Jahr 1999.

Damaliges Spielerprofil auf der Werder-Seite im Jahr 1999. Screenshot: Tirrel

Während seiner Zeit im Bremer- und Nationaltrikot etablierte sich Skripniks Spitzname „Beckham der Ukraine“. Das war ihm damals allerdings unangenehm, wie er in einem Interview mit 11freunde im Jahr 2011 verriet – eben ein bodenständiger Typ.

Unvergessen auch sein Elfmeter beim 6:0-Erfolg gegen den Erzrivalen aus Hamburg in der Saison 2003/2004 (siehe Video ab Minute 10). Die Fans forderten lautstark Viktor Skripnik als Elfmeterschützen. Dieser trat an – und traf. Es sollte sein letztes Tor in seiner aktiven Laufbahn bleiben.

Nach seiner Karriere als Fußballprofi arbeitete Skripnik als Trainer im Jugendbereich des SV Werder Bremen. Dort übernahm er 2004/2005 zunächst die U15 in der C-Junioren-Regionalliga. Teilweise trainerte er parallel die U16, U18 und U21. 2008 übernahm Skripnik die Verantwortung für die U17, 2011 wurde er mit seiner Mannschaft deutscher Vizemeister. 2013 löste er seinen früheren Teamkollegen Thomas Wolter als Chefcoach der U23 ab. In seinem ersten Jahr in der Regionalliga Nord erreichte er mit seinem Team den zweiten Platz. Im Jahr 2007 erwarb der ehemalige Abwehrspieler die Trainer A-Lizenz unter dem ehemaligen U20 Nationaltrainer Erich Rutemölle („Mach et, Otze“). Im gleichen Kurs war übrigens Jos Luhukay, der heutigeTrainer von Hertha BSC Berlin.

Inzwischen hat es „Skrippo“ zum Cheftrainer geschafft. Gemeinsam mit der „Werderlegende“ Torsten Frings trainiert er die Profimannschaft. Auf der Rechnung hatten ihn zunächst nur wenige Insider. Die Bild-Zeitung nannte schon vor dem Heimspiel gegen Köln als ersten Kandidaten den akribisch arbeitenden und harten Hund Huub Stevens – ein Irrtum, wie sich später herausstellen sollte. Eichin setzte lieber auf einen Mann aus den eigenen Reihen – und damit auf die kostengünstigere Alternative. Inzwischen hat sich Skripnik als echter Glücksgriff erwiesen. Mit seiner charmanten Art, seinem gebrochenem Deutsch und seinen zuletzt drei Siegen in Folge hat er die Hoffnung zurück an die Weser gebracht. Als Fan bleibt jetzt nur zu hoffen, dass er in die Fußstapfen der großen Werdertrainer treten kann und den einstigen Glanz zurück an die Weser bringt.

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Lesetipp: Viktor Skripnik über die Ukraine, Deutschland und seine Kinder im Werdermagazin vom 14. November. 2001.